CHIO Aachen – Online-Award „Das silberne Pferd“

Journalismus im Reitsport – Quo vadis?

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Das Weltfest des Pferdesports wird in wenigen Tagen eröffnet und ich war auf der Webseite vom CHIO Aachen, um mich über das Programm zu informieren. Unter den News fand ich einen Beitrag, der mich ziemlich entsetzt hat.

Auf dem CHIO in Aachen bekommen nicht nur Pferdesportler Auszeichnungen und Preise für ihre herausragenden Leistungen, sondern u.a. auch Journalisten. Darunter gibt es einen Award, der sich das silberne Pferd nennt und der Pokal eine solche Statue ist. Diese Auszeichnung wurde über drei Jahrzehnte lang für ‚herausragende journalistische Leistungen‘ in den Bereichen Print, TV und Hörfunk vergeben. So steht es auf der Webseite vom CHIO Aachen. Im Zuge der Veränderung der Medienlandschaft, hat man beschlossen die Auswahl der Bewerber zu verändern und richtet sich ab 2018 an „Journalisten“ aus dem Online- und Social-Media-Bereich im Pferdesport.

Ohne Zweifel ist es die richtige Entscheidung, die junge Generation anzusprechen, doch dann eine so rigorose Entscheidung zu treffen und die bisherigen Medien nicht mehr zuzulassen, halte ich persönlich für falsch. Das wirkt ja wie ein Fußtritt in den Hintern gegen die jahrzehntelange Arbeit von Journalisten, die ihren Beruf schließlich gelernt haben und oft einen berufsqualifizierenden Abschluss dafür gemacht haben. Man hätte entweder beides zusammen führen oder eben einen zweiten Award für Online-Journalismus ausrufen können.

Ich finde es traurig, wenn man sieht wer dieses Jahr für einen Journalistenpreis nominiert ist! Vier der fünf Pferdeblogger sind ohne Journalismusausbildung, nur eine davon ist studierte Germanistin und schreibt für eine bekannte Pferdezeitschrift. Mir scheint bei einem Verhältnis von 4:1, jeder amateurhafte Schreiberling kann nun wohl einen Preis haben, den bislang Fachjournalisten bekommen haben?!

Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass ich die Inhalte der gebotenen Pferdeblogger-Finalisten im Vergleich zu anderen aus dem gleichen Bereich nicht schlecht finde, im Gegenteil es gibt dort sehr viel Schrott, aber im Vergleich zur Fachpresse und Menschen, die sehr gut schreiben können, schneiden sie aus meiner Sicht deutlich schlechter ab.
Es sind häufig nichts weiter als persönliche Tagebucheinträge, die im Grunde hauptsächlich Menschen ansprechen, die Fan von der Person sind. Die Themen auf solchen Blogs sind nicht gerade weltbewegend oder interessant für eine breitere Öffentlichkeit und nur selten hilfreich oder fachlich aufklärend. Es ist meist ziemlich viel Mädchenromantik dabei und sie schreiben in der Regel nur über sich selbst, nicht über bekannte Reitsportler, wie das andere Journalisten tun.

Da ich selbst ebenso ein Hobby-Schreiberling bin, wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, mich für so einen Preis überhaupt zu bewerben. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass solche Pferdeblogger in ernsthafte Erwägung gezogen werden. Manch ein Ego kennt da wohl keine Scheu?
Da fragt man sich zudem, hat die Jury genau hingesehen? Beurteilen sie solche Blogs und Onlineaccounts neuerdings als gleichwertig zu Artikeln in der gedruckten Presse oder im TV? Oder sieht man hier einen Verfall der Qualitätsmaßstäbe? Zählt da vorallem die häufig beeindruckend große Reichweite auf Instagram, Klickzahlen auf YouTube und ob jemand ein vermeintlicher Social Media-Star ist?

Ich frage mich, wer aus der Jury hat sich ernsthaft mit den Nominierten beschäftigt? Schließlich werden drei der Finalisten für das Gesamtkonzept ausgezeichnet, reicht da ein kurzer Blick während einer Jurysitzung? Muss man dazu einer Person eine Weile folgen, um es bewerten zu können? Oder reicht es, sich einige der Beiträge und Postings durchzusehen? Was zeigen die Finalisten, was nicht tausende andere ebenso zeigen, nur eben nicht so eine große Followerzahl haben? Reicht es dazu eine Auswahl an 43 eingereichten Bewerbungen zu sehen, um sich ein Urteil zu bilden? Wer ist alles in der Jury dabei und wie sieht es mit deren Social-Media-Affinität aus? Auf die letzte Frage möchte ich genauer eingehen:

1. Nadine Capellmann, Jahrgang 1965
Man kennt sie in der Öffentlichkeit als Dressurreiterin, vierfache Weltmeisterin und olympische Goldmedalliengewinnerin. Aktuell ist sie nicht mehr in der Weltspitze dabei. Ihr Vater Kurt Capellmann hatte den Preis damals ins Leben gerufen.
Social-Media-Affinität: Es gibt ein Facebookprofil mit ihrem Namen, auf dem herrscht tote Hose. Auf Instagram gibt es keinen Account mit ihrem Vollnamen. Sie hat eine eigene Webseite, auf der es unter den News gelegentliche Updates gibt. Ob sie die Online-Auftritte der Pferdebloggerinnen verfolgt?

2. Dr. Ute Gräfin Rothkirch, Jahrgang 1949 (?)
Sie ist Vorstandsmitglied im Deutschen Reiter- und Fahrer-Verband und engagiert sich in einem internationalen Frauenclub, der sich für berufstätige Frauen in verantwortungsvollen Positionen einsetzt und deren Stellung fördert.
Social-Media-Affinität: Nichts dergleichen zu finden, was auf eine Aktivität schließen könnte. Ob sie Social-Media-Profile unter Pseudonym hat?

3. Michael Mronz, Jahrgang 1967
Bekannt in der Öffentlichkeit durch seine Beziehung mit Guido Westerwelle. Sport- und Eventmanager, sowie Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH.
Social-Media-Affinität: Es gibt ein Facebook- und Instagramprofil unter seinem Namen, sonderlich aktiv sehen beide nicht aus. Ob er Zeit findet, Pferdeblogs zu lesen?

4. Wolfgang Brinkmann, Jahrgang 1950
Der Öffentlichkeit evtl. noch als früherer Springreiter und Olympiasieger bekannt, seit langem als Unternehmer von Bugatti tätig, wozu Pikeur und die Marke Eskadron gehören. Weiterhin ist er Präsident des Deutschen Reiter- und Fahrer-Verbandes (DRFV).
Social-Media-Affinität: Es gibt leider viele Namensvetter, so dass nicht klar ist, ob er hinter einem der Accounts steckt. Seine Firma Pikeur hat eine große Reichweite in Social-Media, aber da sitzen Angestellte dahinter. Eine der Finalistinnen steht (laut ihrer Aussage) auf seiner Gehaltsliste, macht Werbung für Pikeur und Eskadron. Ob er Leute, die für seine Firma Werbung machen, bevorzugt?

5. Annica Hansen, Jahrgang 1982
Öffentlich bekanntes früheres TV-Sternchen aus Soaps, Shopping-Queen, Turmspringen und einer peinlichen Talksendung, inzwischen Imagewandel zum YouTube- und Instagramstar im Pferdebereich mit ner Prise Golf und #notafoodblogger.
Social-Media-Affinität: Absoluter Profi mit großer Reichweite einschließlich Beratertätigkeit für andere Unternehmen in diesem Bereich.
Was auffällt, sie kennt die vier Pferdeblogger persönlich. Von Subjektivität sicherlich keine Spur. (Achtung Ironie!) Im Grunde ist sie diejenige aus der Jury, die am ehesten die Onlinebeiträge der Finalisten kennt, da sie selbst in der Szene drin ist. Ein Schelm wer denkt, die Auswahl hätte etwas damit zu tun. Mein persönlicher Eindruck, sie ist nicht nur Jurymitglied sondern ein wahrhafter Influencer und versteht es wohl, ihre Freundinnen unterzubringen. Ob sie den CHIO-Verantwortlichen den Floh ins Ohr gesetzt, man müsste aus dem Journalisten-Preis einen Social-Media-Award machen und das wären die besten neuen Pferde-Journalisten?

Im Online-Beitrag der Pferdezeitschrift St.GEORG wird in der Vorstellung der Finalistinnen das Wörtchen Unparteiisch verwendet. Hm, ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Schade, dass man nicht weiß, wer sich sonst noch beworben hat und ob die Konkurrenz aus lauter Pferdemädchen-Blogs bestand oder sogar ausgebildete Journalisten darunter waren. Wäre ich Berufsjournalist, ich wäre entsetzt von der Auswahl und sehr besorgt, was eine Jury eines Reitturniers von Weltformat als Preisträger auswählt.

Man muss mit der Zeit gehen, ohne Frage, und Onlineformate lösen immer mehr die bisherigen Formate ab. Die Jugend liest keine Zeitung mehr, sie glotzt ins Internet. Nur warum wandert die Qualität vom gedruckten Papier nicht auf das Display? Warum schreiben viele Berufsjournalisten weiterhin nur für eine Zeitung oder arbeiten fürs Fernsehen? Warum erobern sich bekannte Medienrepräsentanten nicht ihre Reichweite im Internet, sondern überlassen das Feld Amateur-Schreiberlingen, die zudem teilweise (nicht alle!) eine fragwürdige Reichweite besitzen? Wo bleibt das journalistische Regulativ in Social-Media?

Ich verweise hiermit auf meine beiden Beiträge vom letzten Jahr, HIER und HIER nachzulesen. Mir ist klar, dass ich mich mit solchen kritischen Beiträgen bei den betroffenen Personen extrem unbeliebt mache und auf einen Pfad begebe, auf dem man sich nur schwer Freunde macht, vor allem nicht bei all denjenigen, die das Spiel mitmachen, weil sie auch was vom Kuchen abhaben wollen oder nicht genau hinsehen wollen. Komischerweise halten da einige zusammen, dass man sich fragt, stecken die alle unter der gleichen Decke oder haben sie alle die gleiche Influencer-Agentur? Aber das sind nur Mutmaßungen, deswegen gibt’s wieder ein paar Screenshots von Webstatistikseiten* und der Leser kann sich seinen Teil dazu denken.

Die Trafficdaten stammen vom Anbieter http://www.easycounter.com und die Screenshots wurden alle am 10.07.2018 gemacht.

1. Die Webseite des CHIO Aachen hat die meisten Besucher aus Deutschland. Vergleicht man das mit anderen Statistik-Anbietern fällt der Prozentsatz niedriger aus, doch steht Deutschland immer an erster Stelle woher die Webseitenbesucher kommen.

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2. Die Webseite der Fachzeitschrift St.GEORG hat ebenfalls die meisten Besucher aus Deutschland. Was nicht verwunderlich ist, wenn ein Magazin und die Webseite ebenfalls auf Deutsch erscheinen.

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3. Drei der vier nominierten Pferdeblogs sind zu klein, um von den meisten Statistikanbietern ausgewertet werden zu können. Viele Anbieter haben eine Mindestschwelle an Traffic, der verzeichnet werden muss. Was man allerdings oft abrufen kann, ist das sogenannte traffic ranking, eine Angabe wo eine Webseite im Vergleich zu anderen steht. Diese zeigt für zwei von diesen drei an, dass sie weit weniger Traffic bekommen als die vierte Seite.
nodata_easycounter

4. Einer der Pferdeblogs wird von diesem Anbieter gelistet. Hat also genug Traffic. Seltsam ist, dass die meisten Webseitenbesucher aus Indien stammen. Andere Pferdeblogs aus Deutschland, die von den Anbietern gelistet werden, zeigen logischerweise Deutschland als die Hauptquelle des Traffics an. Warum das bei diesem nominierten Blog nicht der Fall ist? Hm, was soll man davon nur halten?!

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Mal sehen, wer das silberne Pferdchen gewinnt! Falls jemand im Publikum Buh ruft und pfeift, dann bin ich das. Meine stimmliche Reichweite ist leider begrenzt. Vielleicht sollte ich ein paar Inder fragen, eventuell pfeifen sie mit?! Ob viele Inder den CHIO in Aachen besuchen? 😉

 

* Eine Anmerkung zum Verständnis von solchen Webstatistikseiten:
Die Zahlen zu Besuchern (visitors) und Pageviews (Seitenanzeigen) sind alle keine Angaben vom tätsächlichen Webtraffic auf einer Webseite! Es sind Hausnummern. Genauso ist das auch mit der „Ranking-Zahl“. Man kann sich das so vorstellen, manche Häuser haben Hausnummern im niedrigeren Bereich als andere und wenn man eine Straße in aufsteigender Richtung der Hausnummern entlang geht, dann sieht man das Haus mit der Nummer 10 vor dem Haus mit der Nummer 100. Eine niedrige Zahl sagt aus, dass die Webseite bei Google weiter oben angezeigt wird als eine Webseite mit einer sehr großen Zahl. Eine Seite mit einer kleinen Ranking-Zahl hat mehr Besucher in Relation zu anderen Seiten mit größerer Ranking-Zahl.

 

[Beitrag enthält unbezahlte Werbung und Verlinkungen ohne Beauftragung dazu.]

2 Gedanken zu “CHIO Aachen – Online-Award „Das silberne Pferd“

  1. Das ist ein schöner Beitrag, vielen Dank dafür! Ich selbst gehöre sowohl zu den Journalisten (ja, ich habe fünf Jahre studiert und zwei Jahre volontiert, um mich so nennen zu dürfen) und den Pferdebloggern. Klar verbinde ich meinen Blog mit dem Journalismus. Aber auch für mich ist es etwas komplett anderes – eins sollte objektiv sein, eins ist subjektiv. Allein das macht doch einen riesigen Unterschied aus. Und dann gibt es meiner Meinung nach noch einen Unterschied zwischen Blogger und Influencer… Aber den kennt die Jury wohl auch nicht…

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