Der Skandal am CHIO-Abreiteplatz & Blickschulung gutes Reiten

Von überraschenden Fotos und dem Blick eines Einzelnen

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Nach dem CHIO Aachen 2018 wurde ich auf Vorfälle aufmerksam, die auf dem Abreiteplatz der Dressur passierten und kann sagen, es war nicht schön was ich da auf Fotos und Videos im Internet sah. Live hatte ich nichts derartiges gesehen, denn ich schaute die meiste Zeit den Prüfungen zu. Gab es dort auch unschöne Vorfälle? Inzwischen habe ich alle Fotos vom CHIO gesichtet und bin sehr erstaunt darüber, was ich feststellen konnte.

In der Regel bemühen sich die Prüfungsteilnehmer so korrekt wie ihnen möglich ist, während der Prüfung zu reiten und ebenso sieht man auf dem Abreiteplatz mit zunehmender Anzahl an Zuschauern besseres bzw. weniger grobes Reiten. Negative Vorfälle ereignen sich meistens auf abgelegenen Plätzen oder zu Zeiten, an denen wenige Leute vor Ort sind.
Einige Zuschauer sind dennoch sensibilisiert, vor allem weil die Skandalbilder im Internet kursieren und achten deshalb ebenfalls bei der Prüfung genau auf gutes und reelles Reiten.
Oft stoßen die Richterurteile dann auf Unverständnis und es wird von falscher Beurteilung gesprochen. Einerseits hat das bestimmt etwas damit zu tun, wenn die Lieblingsreiter schlechter platziert werden, als man es sich wünscht und andererseits mit dem eigenen Verständnis von gutem und schlechtem Reiten. Dieses zu beurteilen, finde ich persönlich nicht gerade einfach.

Kann man als jahrelanger Freizeitreiter gutes Reiten beurteilen oder muss man selbst bis in die hohen Klassen erfolgreich sein?

Ich habe mit dem Reiten vor mehr als 30 Jahren angefangen, bin aber reiterlich nie weit gekommen, was sicherlich an mangelndem guten Unterricht und Talent liegt, über finanzielle Möglichkeiten oder Unterstützung aus dem Umfeld will ich mich gar nicht erst auslassen. Seit dem Teenageralter besuche ich Reitturniere und schaue mir Prüfungen verschiedenster Klassen an.
Ich finde, selbst dabei lernt man einiges, auch wenn man noch nie piaffiert ist, weiß man wie eine Piaffe aussieht und verwechselt sie nicht mit der Passage oder einem aufgeregt tänzelndem Pferd. Man lernt zu erkennen was ein klarer Takt ist, ob die Beine gleichmäßig und wie hoch angehoben werden oder ob es zu Ungleichheiten kommt. Je nach Zuschauerplatz kann man dann besser oder schlechter sehen, wie weit die Hinterhand untertritt und sich die Hanken beugen. Wie sehr sich die Kruppe und die Hüfte senkt, ist dann der nächste „Lernschritt“ in Sachen Blickschulung. Festzustellen, ob und wie weit sich dann auch der Lendenbereich aufwölbt, gehört meiner Meinung nach zu einem fortschrittlichen Beurteilungsvermögen. So stuft sich das Erkennen von offensichtlichen Merkmalen bis zu Feinheiten in einer Bewegung ab. Reiten ist ein Lernprozess, das Sehen ebenso.

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In den letzten Jahren bemerkte ich immer mehr Unterschiede, auf die ich früher nicht so sehr geachtet hatte. Mir fällt auf, dass spanische Turnierreiter oft eine andere Art der Piaffe zeigen, als deutsche oder schwedische Reiter. Schaut man sich Reiter aus der klassischen Reitkunst an, sieht man die Unterschiede noch deutlicher. Nur was ist falsch und was ist richtig? Schenkt man den Vertretern der klassischen Reitkunst Glauben, sieht man auf den Turnieren hauptsächlich fehlerhafte Ausführungen.
Nicht nur bei der Ausführung gibt es Kontroverse, auch wie man es einem Pferd beibringt. Eine Uta Gräf sagt öffentlich, sie braucht keine Peitschenhilfe vom Boden aus, um einem Pferd das piaffieren beizubringen und bei der Familie Rothenberger sieht man Videos, wie ein Herr Hausberger von der Spanischen Hofreitschule aus Wien mit der Peitsche neben dem Pferd hergeht. Was ist denn nun richtig? Gibt es das überhaupt oder hängt es vom individuellen Pferd ab? Ist die Peitsche nur eine Lernhilfe oder ein schlimmes Druckmittel?
Ich kann es nicht beurteilen, nur die öffentliche Meinung wird genau durch solche Menschen wie mich gemacht. Da sind lauter Freizeit- und Amateurreiter, die Videos und Bilder liken, viel oder wenig Applaus geben und in Kommentaren ihre Meinung abgeben. Wo ist die Instanz, die mir sagt, das war gut und das weniger gut oder sogar schlecht? Vertraut man dann nicht am ehesten den Turnierrichtern, denn wer sollte es sonst wissen und beurteilen dürfen? Dann liest man häufig die viele Kritik über Richter und es wird ihnen vorgeworfen entweder Partei zu ergreifen oder blind zu sein und die falschen Reiter hoch zu platzieren. Was soll man davon halten?

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Es stiftet Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Was fehlt ist das Vertrauen in eine Institution, die die Richtung vorgibt, die mehr oder minder „Laien“ ganz anschaulich und kleinschrittig erläutert was korrekt und falsch ist, was nur andere Auslegungen oder Trends sind. Die schriftlich und im praktischen Alltag eine Linie fährt. Leider gibt es viele „Institutionen“, die den Anspruch erheben, ihre Meinung sei die richtige. Dazu kann man nur sagen, viele Köche verderben den Brei und am Ende bleibt etwas übrig, aus dem jeder sich die für ihn genießbaren Löffelchen nimmt.

Wo und wie kann ich meinen Blick schulen?

Erste gute Ansätze einer Blickschulung habe ich in dem Video von Anja Beran auf pferdia/wehorse gesehen. Es war für mich ein totaler Augenöffner! Sicherlich hatte ich mich schon vorher über gewisse Ausführungen gewundert. Doch woher sollte ich wissen, ob das noch im Rahmen des tolerierbaren oder grob fehlerhaft ist? Ich kenne keine Profireiter oder Fünf-Sternerichter persönlich, die ich fragen könnte.

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Für die Blickschulung der Allgemeinheit müsste echt mehr getan werden, allerdings sollte kein Schema-F bzw. Schablonendenken dabei rauskommen. Ebenso sollte man nicht denken, dass die vorbildlichen Stars immer alles korrekt machen. Auch bei den vorbildlichsten Reitern gibt es Fotos, auf denen nicht alles 100% super ist. Dem besten und im Turniersport als am pferdefreundlichsten beurteilten Reitern kann das Pferd mit der Stirnlinie hinter die Senkrechte kommen, ohne das so jemand jemals Rollkur geritten wäre.

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Deswegen darf man meiner Meinung nach niemals von einem Foto auf das ganze Reiten schließen. Fotos bleiben Momentaufnahmen und bei der Bewegungsabfolge gibt es viele Momente in denen selbst der beste Reiter, das schönste Pferd und das pferdefreundlichste Reiten ungünstig aussehen kann. Da gibt es grade unter den jüngeren Reitern und insbesondere auf YouTube und in Social Media verheerende „Kritiken“, die idiotisch sind oder gar in Richtung null Toleranz laufen. Solche Menschen aufzufangen und zu schulen, ist sicherlich ein schwieriger Prozess.

Helfen Fotos dennoch zur Blickschulung?

Ich hatte diesmal meine Kamera zum fotografieren dabei und nicht nur mein Handy. Bei der Durchsicht ist mir etwas erstaunliches aufgefallen. Von manchen Reitern habe ich zig ‚tolle‘ Fotos machen können. Es waren einige Fotos in der passenden Phase der Gangart dabei, Hände und ihr Sitz korrekt, das Pferdmaul nur selten offen. Bei anderen, gerade den auffällig schlechteren Reitern, also vom Können her, nicht von der Bewertung, war es schwieriger ein schönes Bild unter den gemachten zu finden. Die Hände waren oft irgendwo oben, der Sitz eindeutig ein Stuhlsitz wie ein Reitanfänger, die Mäuler viel öfters offen und worüber ich mich am meisten erschrocken habe, ein Haufen Taktverschiebungen im Trab! Was soll man dazu sagen? Von gestrampel bei durchgedrücktem Rücken ganz zu schweigen.

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Vor Ort bekommt man manches vielleicht in der Schnelligkeit der Bewegung nicht mit. Ein Foto hält den Moment fest. Obwohl ein Foto nicht alles sagt, zeigt es Tendenzen. Einzeln betrachtet fällt einem vielleicht manches nicht so stark ins Auge, was weniger gut ist, doch im Vergleich wird es offensichtlicher. Es ist daher mit einzenen Fotos schwierig eine treffende Beurteilung zu finden. Zudem gibt es Lektionen und Bewegungsabläufe, die fallen einem leicht zu beurteilen und andere schwer.
Dazu gehört zudem eine Menge Erfahrung und die hat nicht jeder. Meiner Meinung nach haben Turnierrichter weit aus mehr Erfahrung als die meisten Zuschauer, dennoch ist es überraschend wie treffend die Zuschauerbewertungen oft ausfallen können. Der Einzelne mag vielleicht falsch liegen oder tut sich schwer in der Beurteilung, doch die Masse aus hunderten besser noch tausenden Zuschauern liegt in der Summe häufig nah an dem was die paar wenigen Turnierrichter sehen. Das Anbieten eines ‚Spectator Judgings‘ ist eine gute Möglichkeit seinen eigenen Blick bzw. Bewertung mit dem der anderen Zuschauer und den Richter zu vergleichen. Ich finde, das ist etwas, was definitiv weiter ausgebaut werden sollte.

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Mein Fazit ist: Gutes Reiten bzw. die Einhaltung einer korrekten Form erkennt man tatsächlich auf Fotos, vor allem an vielen tollen Fotos auf denen alles passt! Schlechtes Reiten erkennt man nicht immer an einem einzelnen Foto, auf das sich die Kritiker stürzen. Es braucht ganz sicher Videos, um ein Gesamtbild und die Bewegung zu sehen. Zudem kommt Erfahrung und die Augen vieler, um eine korrekte Bewertung zu finden und zu sehen was gutes Reiten ist. Die Herausforderung den eigenen Blick zu schulen, insbesondere für korrekte Bewegungen, besteht weiterhin für jeden einzelnen.


Liebe Blogbesucher, mein Blog ist umgezogen auf meine Domain www.equusdomesticus.de und wird dort weiter geführt. Hier auf WordPress.com werden keine neuen Blogbeiträge erscheinen. Bitte besucht künftig meinen Blog unter der neuen URL. Dort findet ihr alle bisherigen und künftig alle neuen Blogbeiträge. Viele Grüße, Kristine

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[Beitrag enthält unbezahlte Werbung ohne Beauftragung dazu.]
Bildquellen: eigene Fotos & Screenshots von YouTube-wehorse-Kanal und SAP Sports im Sinne eines Zitats

 

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